Dienstag, 12. April 2011

Kaye - Vier

Vier Inzwischen ist es nach neun und stockdunkel draußen.  In kurzem Kleidchen und mit einem Glas kalter Milch trete ich auf meinen Balkon – ich wohne im vierten Stock, hier sieht mich keiner. Yu sitzt auf meiner Schulter und schaut in die leuchtenden Sterne. »Meinst du, dass sie gefährlich sind?«, fragt sie leise.
»Nein«, höre ich mich sagen. »Ich glaube nicht. Schließlich wollte Eo mich sogar festhalten, als ich von dem Balken gefallen bin und ist dabei selbst abgestürzt.«
»Aber dann waren beide plötzlich verschwunden. Das ist doch nicht normal!«, erwidert Yu. »Wenn er gefallen ist, muss er doch auch unten aufgeschlagen sein, oder nicht? Und der andere musste auch irgendwie von dem Gerüst runter. Kein normaler Mensch kann dann einfach weg sein!«
»Vielleicht sind wir ja keine normalen Menschen?« Hätte er den Kopf nicht rechtzeitig wieder zurückgezogen, hätte ich Eo, der plötzlich kopfüber vom Balkon im fünften Stock vor mir hängt, den Schluck Milch, den ich grade im Mund hatte, ins Gesicht gespuckt. Ich stolpere mit hochrotem Schädel rückwärts, während er sich elegant herunter schwingt und mich ansieht.
»Eo!«, ertönt eine Stimme von der Straße. Eo wirft einen Blick über die Brüstung. »Du sollst nicht immer so schnell rennen, ich kann da unmöglich mithalten!«
»Komm hoch«, erwidert er unbeeindruckt und dreht sich weg. Augenblicklich beginnt sich am Boden neben ihm eine Wasserlache zu bilden, aus der sich langsam die Gestalt von Lux formt.
Ich starre die beiden, die mir jetzt in voller Größe gegenüber stehen, entgeistert an.
»Immer, wenn wir so unterwegs sind, verwandelst du dich und rennst vor«, meint Lux in beleidigtem Tonfall. »Du weißt, dass mein Ortswechsel nur auf kurze Distanz funktioniert. Nimm Rücksicht, Katzenkind!« Eo kommentiert die Anschuldigungen mit einem Hochziehen der Augenbrauen. Erst jetzt realisiere ich, dass die Bezeichnung »Katzenkind« nicht treffender hätte sein können: Aus Eos Haar ragen zwei leicht zuckende Katzenohren, und der passende Schwanz dazu schlängelt sich hinten aus seiner Hose.
»Was zur Hölle seid ihr eigentlich?!«, schreie ich die beiden an, die mich jetzt – als hätten sie eben erst festgestellt, dass ich überhaupt noch da bin – überrascht anblicken. Ich bin total aufgewühlt. Den Versuch, meine Gedanken zu ordnen, habe ich schon längst aufgegeben und mein Puls rast.
»Ich nehme mal an, dasselbe wie du«, antwortet Lux.
»Auch wenn du offensichtlich ein Mädchen bist.«, schließt Eo und ich sehe, wie die Blicke beider Jungen von meinem Gesicht abwärts wandern. Endlich fällt mir wieder ein, wie wenig ich anhabe und ich kreuze augenblicklich die Arme vor der Brust. »Was soll das heißen?«, frage ich entrüstet.
»Nun ja, das heißt, dass du weiblich bist und wir –« Eo unterbricht Lux’ Ausführungen über den Unterschied zwischen Mädchen und Jungen, indem er einen Schritt vorwärts macht und sagt: »Wir sind Mutanten, wie du. Naja, wahrscheinlich ist dir das schon aufgefallen.« Er wackelt ein wenig mit seinen Ohren.
Lux nickt. »Genau. Und außerdem – hey, wo ist eigentlich dein süßer Splitter hin?« Er blickt sich suchend um und geht schließlich einfach an mir vorbei in mein Zimmer, wo Yu sich verkrochen hat. Jetzt ist sie eine zitternde Erhebung unter meiner Bettdecke. »Ah, da ist sie ja!« Lux greift nach dem Laken und zieht es hoch. Yu gibt einen quietschenden Laut von sich und fliegt zu mir so schnell sie kann. »Spinnst du?!«, rufe ich. »Komm aus meinem Zimmer raus!«
Lux hebt abwehrend die Hände und tritt wieder hinaus auf den Balkon. »Echt niedlich.«, lacht er.
Ich blicke ihn düster an. »Warum kannst du sie eigentlich sehen? Ich dachte, das könnte niemand außer mir« Ich wende mich an Eo. »Siehst du sie auch?«
Er nickt. »Ist nicht so einfach zu erklären, aber deine Yu ist in ihrer Art nicht einzigartig.«
»Das heißt, es gibt noch mehr solche Wesen wie sie?«, frage ich.
»So ist es«, antwortet Lux. »Man nennt sie Splitter. Auch wir haben welche.« Wie auf Kommando kommt hinter ihm etwas hervorgeschwebt, ein bisschen größer als Yu, aber ähnlich. Es hat weißes Haar wie Lux, lilafarbene Augen und eine Haiflosse auf dem Rücken. »Das ist Noriak.«, erklärt er.
Ich drehe mich zu Eo um, neben dessen Kopf jetzt ebenfalls ein kleines Wesen fliegt. Aus seinen schwarzen Haaren kommen Katzenohren wie bei Eo, einen Schwanz hat es auch, und zusätzlich Pfoten, wo normalerweise Hände und Füße wären. Seine Augen sind goldgelb und die Pupillen schlitzförmig. »Und der Kleine hier heißt Nyan.«
Yu und ich machen große Augen, sehen uns an und sind erstmal sprachlos. Dann frage ich: »Und was genau sind Splitter?«
»Man nennt uns so, weil wir Absplitterungen eurer Persönlichkeit sind!«, sagt Nyan. Mir fällt auf, dass er beim Reden ein bisschen miaut. Irgendwie süß.
»Absplitterungen unserer Persönlichkeit?« Wieder blicke ich Yu an.
Lux wedelt mit den Händen vor seinem Gesicht herum und sagt: »Nein, nein. Wir haben schon viel zu viel erzählt«, geht wieder zu Eo und nimmt ihn am Arm. »Wir sollten gehen.«
Eo nickt. »Du hast Recht«, dann wendet er sich wieder an mich: »Komm am Freitag um sieben zum Abendessen zu uns. Unser Dad hat dich eingeladen, er wird dir alles erklären, was du wissen musst.«
Und bevor ich irgendetwas erwidern kann, zerfällt Lux wieder in Wassertropfen und Eo lässt sich rückwärts über die Brüstung fallen. Sofort renne ich zum Geländer, spähe auf die Straße und sehe gerade noch, wie er elegant und sanft wie eine Katze auf dem Asphalt aufkommt, einen riesen Sprung auf das nächste Hausdach macht und verschwindet.

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