Eins Yu sieht mich besorgt an. »Geht es dir gut, Kaye?«, fragt sie, während sie angestrengt versucht, unter vollem Einsatz ihrer kleinen Flügelchen mit mir Schritt zu halten. Von Yu habe ich euch ja noch gar nicht in Kenntnis gesetzt! Tut mir leid, ich hab es wohl vergessen, aber ehrlich gesagt, kann ich auch gar nicht viel über sie erzählen. Ich weiß nicht, was sie ist, oder warum sie mich begleitet – ich weiß nur, dass sie da ist. Sie ist winzig – etwa so groß, wie meine Hand lang – und unheimlich niedlich. Wie ich hat sie Schmetterlingsflügel und lockiges blondes Haar und große braune Augen. Seit ich mich erinnern kann, war sie immer bei mir und hat mir beigestanden, wenn es mir schlecht ging. Natürlich geht sie mir manchmal auf die Nerven mit ihrer mädchenhaften, besorgten Art, aber ich habe sie trotzdem unglaublich lieb.
Okay, jetzt haltet ihr mich sicher alle für total schizophren und glaubt, dass ich mir Yu nur einbilde, aber ich bin ziemlich sicher, dass sie wirklich da ist. Und sie sagt das auch. Nur außer mir kann niemand sie sehen und ich weiß nicht, ob mich das glücklich machen oder beunruhigen soll.
»Ja.«, erwidere ich knapp. Ich habe keine besonders große Lust, jetzt ein tiefschürfendes Gespräch über meine Gefühle mit ihr anzufangen.
Inzwischen sind wir aus dem Waldstück heraus und betreten die Stadt. Diese wird ständig ausgebaut und erweitert, wodurch immer mehr Bäume weichen müssen und der gesamte Stadtrand Dauerbaustelle ist.
»Hässliche Stadt«, bemerkt Yu abwertend. »Viel zu viel Beton, und außerdem regnet es dauernd. Das ist gar nicht gut für meine Flügel!«
Ich reagiere immer noch nicht auf sie. Trotzdem hat sie Recht, Hawks ist nicht besonders schön. Momentan scheint allerdings die Sonne, begleitet von einem leichten warmen Wind.
Ich atme tief den Duft des Spätsommers ein und beschließe, die Abkürzung über die noch menschenleere Baustelle zu nehmen, da ich doch schon ziemlich spät dran bin. Ich klettere also über die Leitern auf der einen Seite des Gerüsts nach oben und balanciere gerade über den einzigen freien Balken in Schwindel erregender Höhe, um auf der anderen Seite wieder hinunter zu steigen, als auf einmal alles ganz schnell geht: Von rechts huscht etwas heran, das sich keinen halben Meter vor mir zu einem Jungen formt. Er ist einen Kopf größer als ich, aber etwa gleich alt, hat dunkles Haar, dunkelblaue Augen und trägt ein schwarzes Hemd mit blauen Säumen zu schwarzen Jeans. Er steht leicht vorgebeugt, mit den Händen in den Hosentaschen und seine Nasenspitze ist kaum eine handbreit von meiner entfernt. Yu schreit auf, ich stolpere zurück und pralle unmittelbar gegen einen weiteren Körper hinter mir. Ich fahre herum und stehe einem zweiten Jungen gegenüber. Der war noch mal einen halben Kopf größer als der andere und blickte mich abschätzend an. Ich bin so schockiert, dass mir die Frage, wie die beiden überhaupt so schnell und von mir unbemerkt hier hoch gekommen waren, zunächst überhaupt nicht in den Sinn kommt.
Auf dem schmalen Balken habe ich nicht die Möglichkeit, mich so zu stellen, dass ich beide Kerle gleichzeitig im Blick habe, und starre nur entsetzt den größeren mit dem weißen Haar an. Seine eisblauen Augen mustern mich interessiert. »Und du meinst, das ist sie?«, fragt er den Dunkelhaarigen hinter mir. Ich widerstehe dem nagenden Drang, mich umzudrehen, ich habe zu viel Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, denn vor diesen zwei kann ich unmöglich meine Flügel preisgeben, wenn ich falle, und versuche nur, ihn aus dem Augenwinkel ansehen zu können. Yu hat sich ganz nah an meinen Hals gepresst und ich kann spüren, wie sie zittert. In diesem Moment fällt der Blick des Jungen vor mir genau auf sie. Yu hat es offensichtlich auch gemerkt, denn wie ein Blitz durchzuckt der Schreck ihren kleinen Körper und sie stößt einen kurzen fiependen Laut aus.
Unmöglich, denke ich, und hoffe sehr, dass sie es hören kann, sie können dich nicht sehen, Yu!
»Ich glaube...«, ertönt eine ruhige, weiche und gleichzeitig geheimnisvoll verwegene Stimme hinter mir, die höchstwahrscheinlich dem zweiten Kerl gehört und ich spüre, wie er einen weiteren Schritt nach vorne macht. Er steht jetzt genau hinter mir, ich kann sein Shampoo riechen und bekomme Gänsehaut. Doch dann legt er eine Hand an meine Hüfte und fährt mit der anderen meinen Rücken entlang, ganz vorsichtig, und ich spüre, wie er die Flügel unter meinem Pullover berührt.
Erschrocken fahre ich zusammen und realisiere den Bruchteil einer Sekunde später, und genau diesen Bruchteil einer Sekunde zu spät, dass ich falle.
Ich höre, wie der weißhaarige Junge »Nein!« ruft und sehe aus dem Augenwinkel, dass der Junge, der mich eben noch so dreist angefasst hatte, die Hand ausstreckt, um mich festzuhalten und dabei ebenfalls den Stand auf dem Balken verliert.
Flieg, Kaye, flieg!, schreit Yu in meinen Gedanken, und ich entfalte meine Flügel und fange meinen Sturz gerade noch rechtzeitig ab. Als ich den Boden unter den Füßen spüre, sacke ich erstmal auf die Knie, und als sich mein Puls wieder einigermaßen normalisiert hat, blicke ich auf, um zu sehen, was mit dem dunkelhaarigen Kerl passiert ist. Ich suche den Boden um mich herum und schließlich auch das Gerüst vor mir mit den Augen ab, doch er und der andere waren verschwunden.
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