Zwei Ich komme an meinem ersten Schultag zu spät. Na klasse, und das nur wegen diesen beiden Idioten von der Baustelle! Das Gebäude ist ganz schön, ich hab es mir nicht so genau angesehen, ich war zu sehr mit rennen beschäftigt. Jetzt stehe ich vor dem Büro der Schulleiterin. Katherine Harold steht auf einem kleinen Goldschild an der Tür. Ich habe dieses Gefühl, dass sie mich schon hasst, obwohl sie mich noch gar nicht gesehen hat. Ich atme tief durch, entspanne die Flügel unter meinem Pullover und werfe einen Blick auf Yu, die mir aufmunternd zunickt. Dann klopfe ich an. Es dauert kaum eine Sekunde, da erklingt eine Stimme von drinnen: »Herein!« Ich betrete das Zimmer. Die Frau hinter dem Schreibtisch sieht nicht sehr freundlich oder liebenswürdig aus. »Du bist dreizehn Minuten zu spät.«, stellt sie kühl fest. Himmel, was für ein Start!
»Tut mir leid.«, erwidere ich. Ich habe gerade nicht die Nerven, mir eine gute Ausrede einfallen zu lassen. Ich kann ihr ja schlecht erzählen, was wirklich passiert ist.
»Kaye Bismarck?«
»Jap« Ich nicke.
Sie sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Pardon?«
Ich verstehe nicht, was sie meint. »Was?«
»Es heißt Ja, Ma’am und nicht Jap.«, meint sie.
Ich verdrehe die Augen und wiederhole: »Ja, Ma’am.«
Mrs Harold zieht die Brauen dicht zusammen und blickt mich feindselig an. »Nun, Kaye Bismarck, ich werde dir jetzt deine Klasse zeigen, gerade ist Englischunterricht«, erklärte sie. »Komm mit.«
Ich zucke mit den Schultern und folge ihr, als sie den Raum verlässt. Sie führt mich durch viele lange Korridore mit unzähligen Spinden und Trinkbrunnen, bis sie schließlich vor einer Tür stehen bleibt, die exakt genau so aussieht wie jede andere in dieser Schule. Mrs Harold klopft nicht an, wahrscheinlich denkt sie, das muss sie nicht, weil sie die Schulleiterin ist und alles darf.
Ein junger Mann mit gestreiftem Sweatshirt und Jeans, der lässig am Pult lehnt, blickt sie überrascht an, als sie das Zimmer betritt, und sagt dann freundlich: »Katherine, ich weiß nicht, ob du es nicht gemerkt hast, aber ich unterrichte hier. Wenn du etwas möchtest, dann klopf an und ich werde dich herein bitten.« Seine Schüler und ich versuchen verzweifelt, nicht zu lachen, als Mrs Harold ihren jungen Kollegen mit weit aufgerissenen Augen anstarrt. »Ich habe eine neue Schülerin für dich, William«, erklärt sie ihm dann und bemüht sich (nicht besonders erfolgreich), ruhig zu klingen. »Miss Kaye Bismarck« Sie stößt mich vorwärts. »Viel Spaß.« Und weg war sie.
»Man muss sie einfach lieben«, murmelt der Mann, während er noch immer die Tür anstarrt. Dann lächelt er mich an: »Nun, willkommen in unserer Englischklasse, Kaye. Bitte, denk nicht, jeder hier ist wie Mrs Harold. Sie passt nicht besonders gut in diese Schule, wenn du mich fragst, und das als Leiterin...« Er schüttelt den Kopf. »Wie auch immer. Ich bin William Parrott, dein Lehrer für Englisch und Geschichte. Willst du ein paar Worte über dich sagen?«
Ich wende mich der Klasse zu. »Naja, mein Name ist Kaye Bismarck, ich bin fünfzehn Jahre alt und ich komme aus Phoenix, Arizona. Ich lebe mit meiner Mom Judy hier in Hawks, mein Vater fiel im Krieg als ich noch ganz klein war.«
»Danke Kaye. Wo willst du dich hinsetzen? Neben Jessica« Mr Parrott weist auf ein blondes Mädchen mit einer dicken Make-up-Schicht und High Heels. »oder neben Ariadne?« Er zeigt mir ein anderes Mädchen mit braunem, leicht gelocktem Haar, einem netten Lächeln und Sneakers. Hallo Klischee, schön, dass du vorbeischaust! Die Wahl ist nicht besonders schwer. Ich schlendere hinüber zu Ariadnes Tisch und werfe einen Seitenblick auf besagte Jessica, die mir einen Todesblick zuwirft – als wäre es ihr irgendwie wichtig gewesen, dass ich mich zu ihr setze (wahrscheinlich für ihr Ego) – und zu ihrer Nagelfeile greift. Ich habe schon Angst, dass sie mir die an den Kopf werfen will, aber sie dreht sich nur schwungvoll weg und bearbeitet ihre rot lackierten Fingernägel. Dann setze ich mich hin. »Hey, freut mich, dich kennen zu lernen!«, wispert Ariadne mir zu. Ich nicke und schenke ihr mein schönstes Lächeln. »Mich auch.«
Beim Mittagessen führt Ariadne mich an einen Tisch, an dem bereits ein Junge mit braunem Haar und süßem Grinsen wartet. »Das ist mein bester Freund«, erklärt sie mir. »Dylan.« Dylan trägt ausschließlich schwarz, abgesehen von seinen Vans und den zwei neongrünen Streifen auf seiner Kapuzenjacke. Er ist mir auf Anhieb sympathisch.
Eine halbe Stunde lang reden wir über alles, was uns gerade einfällt. Ich habe das erste Mal im Leben das Gefühl, wahre Freunde zu haben, auch wenn ich sie noch nicht mal einen Tag lang kenne. Gerade erzählt Dylan vom letzten Gig seiner Rockband – er ist Drummer – als ich sie durch die Glaswand der Mensa sehe: Langsam und ruhig, irgendwie anmutig und mit einer unglaublichen Ausstrahlung, gehen sie auf die Tür zu: die Jungen von der Baustelle. Ich kann Yu, die bis eben in meiner Tasche geschlafen hat, meinen Namen flüstern hören, kann meinen Blick nicht von ihnen abwenden. Als Ariadne es bemerkt, beugt sie sich etwas näher zu mir, um meinem Blick genau folgen zu können. Die beiden hatten eben das Gebäude betreten.
»Wer sind die?«, frage ich sie. Wir starren sie immer noch an.
»Die St. Cloud-Brüder«, erwidert Ariadne. »Naja, eigentlich sind sie nicht wirklich Brüder, sondern die Adoptivsöhne unseres Stadtarztes Charles St. Cloud und seiner Frau Christy. Der Größere von ihnen, der mit dem weißen Haar, das ist Lux, der andere mit den dunklen Haaren und der Wollmütze ist Eo. Sie sind in unserem Jahrgang. Sie sehen unheimlich gut aus, nicht?«
»Nicht so gut wie ich.«, erwidert Dylan trotzig, wir ignorieren ihn.
»So gut wie alle Mädchen fahren auf einen von ihnen ab.«, fährt Ariadne fort. »Jessica aus unserer Klasse zum Beispiel macht kein Geheimnis daraus, dass sie auf Eo steht. Dauernd macht sie ihn an.« Sie schüttelt den Kopf.
»Wie sind die zwei denn sonst so?«, will ich wissen.
Ariadne legt die Stirn in Falten und scheint über eine passende Beantwortung meiner Frage nachzudenken. Dylan hingegen überlegt nicht lange und antwortet in einem ziemlich abfälligen Ton: »Total assi. Kann gar nicht glauben, dass die von Dr. St. Cloud erzogen sein sollen.«
»Wie meinst du das?«, frage ich.
Er zuckt die Schultern. »Es heißt, sie trinken zuhause Alkohol, benehmen sich als wären sie schon dreißig und dürften alles! Lux ist außerdem total streitsüchtig. Eo ist zwar viel ruhiger, aber meiner Meinung nach nicht gerade besser.«
Ariadne legt ihm eine Hand auf den Oberschenkel. »Übertreib mal nicht«, meint sie. »Das meiste, was du über sie weißt, sind doch nur Gerüchte.«
»Ich trau denen alles zu!«, unterbricht Dylan sie.
»Lass mich ausreden«, erwidert sie ruhig, drückt aber sein Bein etwas fester. »Es stimmt auch, dass Lux sich gerne auflehnt, aber tun wir das nicht alle gern? Oder würden es gerne tun? Er spricht doch oft nur aus, was alle anderen denken, sich aber nicht trauen, es zu sagen! Er hat sich außerdem noch nie geschlagen oder so.«
»Aber er war schon kurz davor«, wirft Dylan erneut ein.
»Eo hat ihn zurückgehalten! Das tut er immer.«
Ich bin ziemlich überrascht und schockiert, aber auch fasziniert von dem, was die beiden mir da erzählen und kann gar nichts sagen, sondern einfach nur zuhören.
»Wie auch immer«, sagt Dylan schließlich mit geschlossenen Augen und hochgezogenen Brauen. »Ich würde sie nicht grade als guten Umgang bezeichnen. Sonst sind sie aber total unauffällig, reden wenig mit anderen, fehlen oft, schreiben aber nur gute Noten. Ich versteh’s echt nicht.«
»Das eine hat doch gar nichts mit dem anderen zu tun«, erwidert Ariadne, dann schaut sie mich wieder an. »Auf jeden Fall sind sie super geheimnisvoll.«
Ich habe den Kopf wieder gedreht und schaue erneut zu Eo und Lux. Die beiden sitzen sich gegenüber an einem Tisch am Fenster und reden. Ich sehe beide aus dem Profil und beobachte sie genau. Sie sind beide ziemlich groß und dünn, haben lange Beine und Finger und schmale Gesichter. Die beiden passen nicht hierher, das ist klar. Auch wenn man nicht so eine Begegnung mit ihnen hatte wie ich, spürt man, dass sie anders sind als die anderen Schüler. Ich bin so darin vertieft, sie so gut es geht zu analysieren, dass ich überhaupt nicht bemerke, wie auffällig ich zu ihnen starre. Das wird mir erst in dem Moment klar, als sie ihr Gespräch unterbrechen, Eo sich mit geschlossenen Augen leicht grinsend zurücklehnt und Lux mich direkt ansieht und mir frech zuwinkt.
Ich muss mich wirklich beherrschen, nicht vor Schreck und Scham aufzuspringen und mich unter dem Tisch zu verkriechen. Ich laufe knallrot an und drehe mich schnell weg.
Mann, was ist heute nur mit mir los?!